Natur hautnah

… im Naturschutzgebiet „Saale-Elster-Aue bei Halle“

Das Naturschutzgebiet „Saale-Elster-Aue bei Halle“ ist mit Abstand das größte der neun Schutzgebiete Halles. Die über 900 ha große Wildnis beherbergt eine Vielzahl an Tier- und Pflanzenarten und ist durch die teilweise kaum vorhandene Erschließung des Gebietes nahezu unberührt. Unter Berücksichtigung mehrerer Karten habe ich mir einen kleinen Abstecher in das Gebiet ausgeguckt. Wieder bin ich mit kundiger Begleitung unterwegs: meinen Eltern. Während meine Mutter sich auf dem Gebiet der Gartenpflanzen, Büsche und Bäume auskennt, müsste für meinen Vater noch der Begriff des „Unkrautologen“ eingeführt werden. Er kennt nahezu jedes Kraut beim deutschen und lateinischen Namen und schleppt dicke Bestimmungsbücher mit sich herum. Unsere Tour beginnt in Ammendorf und führt die Regensburger Straße entlang bis zum Burgholz.

 

Hinein in die Wildnis

Ab hier soll es einen Weg geben, der parallel zur Merseburger Straße nach Süden verläuft. Gespannt lassen wir den Ort hinter uns, überqueren eine kleine Brücke und stehen wenige Meter später vor einer grünen Wand aus Gras und Röhricht. Mich verlässt der Mut, denn von einem Weg ist nichts zu sehen. Lediglich Wildschweine scheinen hier in den letzten Monaten unterwegs gewesen zu sein und an ein Durchkommen mit dem Fahrrad wage ich erst gar nicht zu denken. Ich nehme schon die Karte zur Hand, um eine neue Route zu suchen, als sich meine Mutter an mir vorbei durch das Dickicht arbeitet. „Irgendwo wird es schon langgehen“ sagt sie optimistisch und erkundet den vor uns liegenden Abschnitt. Als ich sie kaum noch sehen kann erkundige ich mich nach der Aussicht. Offenbar haben die Wildschweine den Weg ein Stück weit genutzt und die Botanik so etwas in Mitleidenschaft gezogen. Der „Weg“ führt um eine Kurve und wir beeilen uns, möglichst schnell durch die nasse Landschaft zu gelangen. Wir staunen, als sich das Dickicht plötzlich auflöst und wir in einem kleinen Wäldchen wieder auftauchen. Und tatsächlich zeichnet sich hier deutlich ein Waldweg ab, der sogar befahrbar ist.

Dichte Wälder, bunte Wiesen

Wir folgen ihm schnurgerade nach Süden, bis wir von einem umgestürzten Baum aufgehalten werden. Das Hindernis kann weder umfahren noch überquert werden, und so gibt es nur einen Weg: auf allen vieren weiter krabbeln. Einer nach dem anderen kriechen wir auf dem Boden unter dem Stamm hindurch, um auf der anderen Seite unsere Fahrräder liegend hinterherzuziehen. Schließlich ist die Hürde genommen, und wir lassen das Wäldchen hinter uns. Ebenso plötzlich, wie der Wald begann, endet er auch, und wir finden uns auf einer blühenden Wiese wieder, die von tausenden Insekten bevölkert wird. Die Fahrräder dürfen sich im Gras ausruhen, während jeder von uns sein Fachgebiet ansteuert. Ich weiß gar nicht, worauf ich meine Kamera zuerst richten soll, während mein Vater schon die ersten ihm unbekannten Pflänzchen zu bestimmen versucht.

Umwelt vs. Infrastruktur

Das Einzige, was so gar nicht in dieses märchenhafte Idyll passen will, ist die knapp 50 Meter von uns entfernte ICE-Trasse, die sich zum Zeitpunkt unseres Besuchs noch im Bau befindet. Ich frage mich, was dieser Einschnitt wohl für die Natur bedeuten mag, die hier bislang nur von einer kleineren Eisenbahnstrecke beeinflusst wurde. Nach einer ganzen Weile reißen wir uns vom Blumenmeer los und unterqueren die kleine Eisenbahnbrücke, die zur Strecke Ammendorf-Schkopau gehört. Wieder finden wir uns in einer neuen Landschaft wieder. Ein von vielen Tümpeln durchzogenes Waldstück liegt vor uns und lässt sich glücklicherweise sehr gut durchfahren. Wir sehen eine Schwanenfamilie, die uns aufmerksam beobachtet, und ich koste eine der Kratzbeeren, die hier in Hülle und Fülle wachsen. Obwohl sie wie kleine Brombeeren aussehen, schmecken sie sehr sauer.

Zurück in der Zivilisation

Wir lassen das Naturschutzgebiet hinter uns, überqueren die Merseburger Straße und folgen ihr bis zur Saale, wo wir nach Westen abbiegen und an einer großen Infotafel Rast machen. Viele andere Radler begegnen uns hier an der Planenaer Landstraße, die Bestandteil des Saale-Radwanderweges ist. Wir lassen unser Abenteuer Revue passieren. Ich bin meiner Mutter für ihren Mut unendlich dankbar, ohne sie hätte ich Kehrt gemacht und mir wäre dieses wunderschöne, wilde Gebiet verschlossen geblieben. Würde ich das Wagnis nochmal eingehen? Ja! Doch ich halte es für besser, das Gebiet so unberührt zu lassen, wie es ist.

 

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